2008 schloss ich mein Zahnmedizinstudium in Kairo ab. Die Prothetik, die ich damals lernte und zunächst auch überwiegend praktizierte, war stark von konventionellen Kronen, Brücken und implantatgetragenen Versorgungen geprägt: reduzieren, ersetzen, wiederaufbauen.
Ein großer Teil meiner klinischen Arbeit bestand aus Implantologie und festsitzender Prothetik.
Doch mit jeder Krone wurde Zahnhartsubstanz entfernt, die der Patient nie wieder zurückbekommen würde. Und ich konnte die Frage nicht loslassen, wie viel davon tatsächlich notwendig gewesen war.
Ich begann, immer mehr Fragen zu stellen.
Mussten wir für den Ersatz eines fehlenden Zahnes wirklich immer die Nachbarzähne umfangreich beschleifen? War im ästhetischen Bereich ein Titanaufbau auf einem Implantat grundsätzlich die beste Lösung? Oder konnten zahnfarbene Alternativen ebenso zuverlässig funktionieren?
Alternativen gab es bereits.
Für mich war aber eine andere Frage entscheidender:
Wann kann ich ihnen vertrauen? Wo liegen ihre Grenzen? Und welche wissenschaftliche Evidenz sollte meine Entscheidung bestimmen?
Also entschied ich mich, selbst nach diesen Antworten zu suchen.
2013 wechselte ich an die Klinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Kiel und begann, diese Fragen wissenschaftlich zu untersuchen.
Meine frühen Forschungsarbeiten beschäftigten sich mit keramischen Implantataufbauten als Alternative zu Titanlösungen. Dabei ging es nicht nur um Ästhetik. Mich interessierte, ob diese Konstruktionen funktionellen Belastungen standhalten und welchen Einfluss unterschiedliche Materialien und Designs auf ihr mechanisches Verhalten haben.
Gleichzeitig beschäftigte mich zunehmend die adhäsive Zahnmedizin: die Frage, wie moderne Klebetechniken uns ermöglichen können, Zähne und Lächeln wiederherzustellen und dabei mehr gesunde natürliche Zahnsubstanz zu erhalten.
Das Ziel war dabei nie, zu beweisen, dass die neueste oder minimalinvasivste Behandlung automatisch die beste ist.
Ich wollte verstehen:
Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Für wen? Und unter welchen Bedingungen?
Forschung gab mir etwas, wonach ich seit meinen ersten klinischen Jahren gesucht hatte: die Möglichkeit, eine Behandlung nicht nur aufgrund persönlicher Erfahrung zu hinterfragen, sondern anhand von Daten.
Und sie machte mich vorsichtiger.
Für meine Patienten hat genau das einen praktischen Wert.
Wenn man Materialien und Behandlungskonzepte selbst wissenschaftlich untersucht hat, lassen sich unterschiedliche Optionen differenzierter beurteilen. Dazu gehören auch Behandlungen, mit denen sich in geeigneten Situationen mehr natürliche Zahnsubstanz erhalten lässt.
Entscheidend ist für mich nicht, möglichst viele Optionen anbieten zu können, sondern ehrlich erklären zu können, welche Option in einer bestimmten Situation sinnvoll ist, und wo ihre Grenzen liegen.
Diese Behandlungen sind für mich nicht nur Theorie. Einige der ästhetischen und minimalinvasiven Versorgungen, die ich auf Grundlage dieser wissenschaftlichen Arbeit begonnen habe einzusetzen, sind heute seit mehr als zehn Jahren klinisch in Funktion.
Bei Patienten, die nicht in meiner Nähe leben, kann die Nachsorge; sofern geeignete Partnerstrukturen vorhanden sind, mit Kollegen am Wohnort abgestimmt werden. Denn eine Behandlung sollte nicht dort enden, wo der Patient die Praxis verlässt.
Heute, 24 Publikationen und eine Habilitation später, sind viele Antworten klarer. Vollständig sind sie noch immer nicht.
Ein Teil dieser Arbeit setzt sich heute über die Doktorandinnen und Doktoranden fort, die ich betreue. Dabei beschäftigen wir uns unter anderem mit offenen klinischen Fragen zur adhäsiven Zahnmedizin, zum Dentinmanagement und zu restaurativen Behandlungskonzepten.
Meine Tätigkeit bei Kuraray Noritake Dental eröffnete mir noch eine weitere Perspektive: wie dentale Werkstoffe entwickelt, wissenschaftlich untersucht, klinisch eingeordnet und schließlich in die Praxis gebracht werden.
Werkstoffe liegen genau an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, klinischer Anwendung und Industrie.
Diese Erfahrung hat mich gelehrt, ein Material nicht einfach als Produkt zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Was bedeuten seine Eigenschaften tatsächlich für die konkrete klinische Situation?
Heute betrachte ich dieselben Fragen aus vier miteinander verbundenen Perspektiven.
- In meiner Privatpraxis plane ich Behandlungen gemeinsam mit meinen Patienten. Wir besprechen die möglichen Wege, ihre Vorteile, ihre Grenzen und auch die notwendige Nachsorge.
- An der Universität Kiel und im Master of Science in Esthetic Dentistry der Goethe-Universität Frankfurt vermittle ich die klinischen Entscheidungen und die wissenschaftliche Evidenz dahinter.
- An der LMU München beschäftige ich mich als Gastforscher mit restaurativen Werkstoffen und der Frage, was ihre Eigenschaften für die klinische Anwendung bedeuten.
- Und meine Erfahrung aus der Dentalindustrie zeigt mir zusätzlich, wie Werkstoffentwicklung, Forschung, Fortbildung und klinische Anwendung ineinandergreifen.
Genau diese Verbindung prägt auch meine beratende Arbeit mit Universitäten, wissenschaftlichen Organisationen, Unternehmen und weiteren professionellen Partnern: wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen, ihre klinische Bedeutung zu verstehen und daraus Lösungen zu entwickeln, die in der Realität funktionieren.
Auch deshalb ist die Lehre zu einem wesentlichen Teil meiner Arbeit geworden.
Seit vielen Jahren unterrichte und referiere ich international an Universitäten, auf Kongressen und in Fortbildungen, in Vorträgen, Hands-on-Kursen und Live-Behandlungen.
Als gewähltes Council-Mitglied der European Prosthodontic Association und durch meine Mitarbeit in Fachgesellschaften der Prothetik und ästhetischen Zahnmedizin versuche ich darüber hinaus, meinen Beitrag zur Weiterentwicklung der restaurativen Zahnmedizin zu leisten.
Aus all diesen Erfahrungen entwickelt sich The Esthetic Compass.
Er verbindet die verschiedenen Entscheidungen einer ästhetisch-restaurativen Behandlung, von der individuellen Analyse und Planung bis zur definitiven adhäsiven Eingliederung.
Dabei versteht er sich nicht als starres Behandlungssystem oder als wissenschaftlich validierte Universalformel, sondern als evidenzorientierter klinischer Orientierungsrahmen: aufgebaut auf dem, was die Wissenschaft unterstützt, und ebenso klar in den Bereichen, in denen Fragen noch offen sind.
Meine Arbeit hat sich seit 2008 erheblich verändert.
Die Frage dahinter ist dieselbe geblieben:
Wie können wir das Ergebnis erreichen, das ein Patient braucht, dabei so viel gesunde natürliche Zahnsubstanz wie sinnvoll erhalten, und woher wissen wir, dass die Behandlung, für die wir uns entscheiden, unser Vertrauen verdient?
An dieser Antwort arbeite ich bis heute.